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Es kam eine Ernte um die andere, und jede sah die Kinder größer und schöner und den
herrenlosen Acker schmäler zwischen seinen breitgewordenen Nachbaren. Mit jedem
Pflügen verlor er hüben und drüben eine Furche, ohne daß ein Wort darüber gesprochen
worden wäre und ohne daß ein Menschenauge den Frevel zu sehen schi en. Die Steine
wurden immer mehr zusammengedrängt und bildeten schon einen ordentlichen Grat auf
der ganzen Länge des Ackers, und das wilde Gesträuch darauf war sc hon so hoch, daß
die Kinder, obgleich sie gewachsen waren, sich nicht mehr sehen konnten, wenn eines
dies- und das andere jenseits ging. Denn sie gingen nun nicht mehr gemeinschaftlich auf
das Feld, da der zehnjährige Salomon oder Sali, wie er genannt wurde, sich schon wacker
auf Seite der größeren Burschen und der Männer hielt; und das braune Vrenchen,
obgleich es ein feuriges Dirnchen war, mußte bereits unter der Obhut seines Geschlechts
gehen, sonst wäre es von den andern als ein Bubenmädchen ausgelach t worden.
Dennoch nahmen sie während jeder Ernte, wenn alles auf den Äckern war, einmal
Gelegenheit, den wilden Steinkamm, der sie trennte, zu besteigen und sic h gegenseitig
von demselben herunterzustoßen. Wenn sie auch sonst keinen Verkehr mehr miteinander
hatten, so schien diese jährliche Zeremonie um so sorglicher gewahrt zu werden als sonst
nirgends die Felder ihrer Väter zusammenstießen.
Indessen sollte der Acker doch endlich verkauft und der Erlös einstweilen amtlich
aufgehoben werden. Die Versteigerung fand an Ort und Stelle statt, wo sich aber nur
einige Gaffer einfanden außer den Bauern Manz und Marti, da niemand L ust hatte, das
seltsame Stückchen zu erstehen und zwischen den beiden Nachbaren zu b ebauen. Denn
obgleich diese zu den besten Bauern des Dorfes gehörten und nichts weiter getan hatten
als was zwei Drittel der übrigen unter diesen Umständen auch getan haben würden, so
sah man sie doch jetzt stillschweigend darum an und niemand wollte zwischen ihnen
eingeklemmt sein mit dem geschmälerten Waisenfelde. Die meisten Mensc hen sind fähig
oder bereit, ein in den Lüften umgehendes Unrecht zu verüben, wenn sie mit der Nase
darauf stoßen; sowie es aber von einem begangen ist, sind die übrigen froh, daß sie es
doch nicht gewesen sind, daß die Versuchung nicht sie betroffen hat, und sie machen nun
den Auserwählten zu dem Schlechtigkeitsmesser ihrer Eigenschaften und behandeln ihn
mit zarter Scheu als einen Ableiter des Übels, der von den Göttern gezeichnet ist,
während ihnen zugleich noch der Mund wässe
genossen. Manz und Marti waren also die einzigen, welche ernstlich auf den Acker boten;
nach einem ziemlich hartnäckigen Überbieten erstand ihn Manz und er wurde ihm
zugeschlagen. Die Beamten und die Gaffer verloren sich vom Felde; die beiden Bauern,
welche sich auf ihren Äckern noch zu schaffen gemacht, trafen beim We ggehen wieder
zusammen und Marti sagte: "Du wirst nun dein Land, das alte und das neue, wohl
zusammenschlagen und in zwei gleiche Stücke teilen? Ich hätte es wenigstens so
gemacht, wenn ich das Ding bekommen hätte." - "Ich werde es all erdings auch tun",
antwortete Manz, "denn als ein Acker würde mir das Stück zu gro ß sein. Doch was ich
sagen wollte: Ich habe bemerkt, daß du neulich noch am unteren Ende d ieses Ackers, der
jetzt mir gehört, schräg hineingefahren bist und ein gutes Dreieck abgeschnitten hast. Du
hast es vielleicht getan in der Meinung, du werdest das ganze Stück a n dich bringen und
es sei dann sowieso dein. Da es nun aber mir gehört, so wirst du wohl einsehen, daß ich
eine solche ungehörige Einkrümmung nicht brauchen noch dulden kann, und wirst nichts
dagegen haben, wenn ich den Strich wieder grad mache! Streit wird das nicht abgeben
sollen!"
Marti erwiderte ebenso kaltblütig als ihn Manz angeredet hatte: "Ich sehe auch nicht, wo
Streit herkommen soll! Ich denke, du hast den Acker gekauft, wie er da i st, wir haben ihn
alle gemeinschaftlich besehen und er hat sich seit einer Stunde nicht um ein Haar
verändert!"
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