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"Diesen sind wir entflohen", sagte Sali, "aber wie entfliehen wir uns selbst? Wie meiden
wir uns?"
Vrenchen war nicht imstande zu antworten und lag hochaufatmend an seinem Halse. "Soll
ich dich nicht lieber ins Dorf zurückbringen und Leute wecken, daß sie dich aufnehmen?
Morgen kannst du ja dann deines Weges ziehen und gewiß wird es dir wo hl gehen, du
kommst überall fort!"
"Fortkommen, ohne dich!"
"Du mußt mich vergessen!"
"Das werde ich nie! Könntest denn du es tun?"
"Darauf kommts nicht an, mein Herz!" sagte Sali und streichelte ihm die heißen Wangen,
je nachdem es sie leidenschaftlich an seiner Brust herumwarf, "es handelt sich jetzt nur
um dich; du bist noch so ganz jung und es kann dir noch auf allen Wegen gut gehen!"
"Und dir nicht auch, du alter Mann?"
"Komm!" sagte Sali und zog es fort. Aber sie gingen nur einige Schritte und standen
wieder still, um sich bequemer zu umschlingen und zu herzen. Die Stille der Welt sang
und musizierte ihnen durch die Seelen, man hörte nur den Fluß unte n sacht und lieblich
rauschen im langsamen Ziehen.
"Wie schön ist es da ringsherum! Hörst du nicht etwas tönen, wie ein schöner Gesang
oder ein Geläute?"
"Es ist das Wasser, das rauscht! Sonst ist alles still."
"Nein, es ist noch etwas anderes, hier, dort hinaus, überall tö nts!"
"Ich glaube, wir hören unser eigenes Blut in unsern Ohren rauschen!"
Sie horchten ein Weilchen auf diese eingebildeten oder wirklichen Töne, welche von der
großen Stille herrührten oder welche sie mit den magischen Wirkungen des Mondlichtes
verwechselten, welches nah und fern über die weißen Herbstnebel wallte, welche tief auf
den Gründen lagen. Plötzlich fiel Vrenchen etwas ein; es suchte in seinem Brustgewand
und sagte: "Ich habe dir noch ein Andenken gekauft, das ich dir geben wollte!" Und es
gab ihm den einfachen Ring und steckte ihm denselben selbst an den Finge r. Sali nahm
sein Ringlein auch hervor und steckte ihn an Vrenchens Hand, indem er sagte: "So haben
wir die gleichen Gedanken gehabt!" Vrenchen hielt seine Hand in das b leiche Silberlicht
und betrachtete den Ring. "Ei, wie ein feiner Ring!" sagte es lachend; "nun sind wir aber
doch verlobt und versprochen, du bist mein Mann und ich deine Frau, wir wollen es einmal
einen Augenblick lang denken, nur bis jener Nebelstreif am Mond vorüber ist oder bis wir
zwölf gezählt haben! Küsse mich zwölfmal!"
Sali liebte gewiß ebenso stark als Vrenchen, aber die Heiratsfrage war in ihm doch nicht
so leidenschaftlich lebendig als ein bestimmtes Entweder-Oder, als ein unmittelbares Sein
oder Nichtsein, wie in Vrenchen, welches nur das eine zu fühlen fä hig war und mit
leidenschaftlicher Entschiedenheit unmittelbar Tod oder Leben darin sah. Aber jetzt ging
ihm endlich ein Licht auf und das weibliche Gefühl des jungen Mädc hens ward in ihm auf
der Stelle zu einem wilden und heißen Verlangen und eine glühende Klarheit erhellte ihm
die Sinne. So heftig er Vrenchen schon umarmt und liebkost hatte, tat er es jetzt doch
ganz anders und stürmischer und übersäete es mit Küssen. Vrenchen fühlte trotz aller
eigenen Leidenschaft auf der Stelle diesen Wechsel und ein heftiges Zittern durchfuhr sein
ganzes Wesen, aber ehe jener Nebelstreif am Monde vorüber war, war es auch davon
ergriffen. Im heftigen Schmeicheln und Ringen begegneten sich ihre ringgeschmückten
Hände und faßten sich fest, wie von selbst eine Trauung vollziehen d, ohne den Befehl
eines Willens. Salis Herz klopfte bald wie mit Hämmern, bald stand es still, er atmete
schwer und sagte leise: "Es gibt eines für uns, Vrenchen, wir halten Hochzeit zu dieser
Stunde und gehen dann aus der Welt - dort ist das tiefe Wasser - dort sc heidet uns
niemand mehr und wir sind zusammen gewesen - ob kurz oder lang, das kann uns dann
gleich sein."
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