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Romeo und Julia auf dem Dorfe

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Sie lasen eifrig die Sprüche und nie ist etwas Gereimtes und Gedrucktes schöner befunden und tiefer empfunden worden als diese Pfefferkuchensprüche; sie hielten, was sie lasen, in besonderer Absicht auf sich gemacht, so gut schien es ihnen zu passen. "Ach", seufzte Vrenchen, "du schenkst mir ein Haus! Ich habe dir auch eines und erst das wahre geschenkt; denn unser Herz ist jetzt unser Haus, darin wir woh nen, und wir tragen so unsere Wohnung mit uns, wie die Schnecken! Andere haben wir ni cht!" "Dann sind wir aber zwei Schnecken, von denen jede das Häuschen der andern trägt!" sagte Sali, und Vrenchen erwiderte: "Desto weniger seiner Wohnung nah bleibt!" Doch wußten sie nicht, daß sie in i hren Reden eben solche Witze machten als auf den vielfach geformten Lebkuchen zu lesen waren, und fuhren fort diese süße einfache Liebesliteratur zu st auf vielfach verzierte kleine und große Herzen geklebt war. Alles dü nkte sie schön und einzig zutreffend; als Vrenchen auf einem vergoldeten Herzen, das wie eine Lyra mit Saiten bespannt war, las: "Mein Herz ist wie ein Zitherspiel, rührt man es viel, so tönt es viel!" ward ihm so musikalisch zumut, daß es glaubte, sein eigenes Herz klingen zu hören. Ein Napoleonsbild war da, welches aber auch der Träger eines verliebten Spruches sein mußte, denn es stand darunter geschrieben: "Groß war der Held Napoleon, sein Schwert von Stahl, sein Herz von Ton; meine Liebe trägt ein Röslein frei, doch ist ihr Herz wie Stahl so treu" - Während sie aber beiderseitig in das Lesen vertieft schienen, nahm jedes die Gelegenheit wahr, einen heimlichen Einkauf zu machen. Sali kaufte für  Vrenchen ein vergoldetes Ringelchen mit einem grünen Glassteinchen, und Vrenchen einen Ring von schwarzem Gemshorn, auf welchem ein goldenes Vergißmeinnicht eingelegt war. Wahrscheinlich hatten sie den gleichen Gedanken, sich diese armen Zeichen bei der Trennung zu geben. Während sie in diese Dinge sich versenkten, waren sie so vergessen, d aß sie nicht bemerkten, wie nach und nach ein weiter Ring sich um sie gebildet hatte von Leuten, die sie aufmerksam und neugierig betrachteten. Denn da viele junge Bursche und Mädchen aus ihrem Dorfe hier waren, so waren sie erkannt worden, und alles stand jetzt in einiger Entfernung um sie herum und sah mit Verwunderung auf das wohlgeputzte Paar, welches in andächtiger Innigkeit die Welt um sich her zu vergessen schien. "Ei seht!" hieß es, "das ist ja wahrhaftig das Vrenchen Marti und der Sali aus der Stadt!  Die haben sich ja säuberlich gefunden und verbunden! Und welche Zärtlichkeit und Freundschaft, seht doch, seht! Wo die wohl hinaus wollen?" Die Verwunderung dieser Zuschauer w ar ganz seltsam gemischt aus Mitleid mit dem Unglück, aus Verachtung der Verkommenheit und Schlechtigkeit der Eltern und aus Neid gegen das Glück und die Einigk eit des Paares, welches auf eine ganz ungewöhnliche und fast vornehme Weise verliebt und aufgeregt war und in dieser rückhaltlosen Hingebung und Selbstvergessenheit dem  rohen Völkchen ebenso fremd erschien wie in seiner Verlassenheit und Armut. Als sie dah er endlich aufwachten und um sich sahen, erschauten sie nichts als gaffende Gesicht er von allen Seiten; niemand grüßte sie und sie wußten nicht, sollten sie jemand grüßen, und diese Verfremdung und Unfreundlichkeit war von beiden Seiten mehr Verlegenheit  als Absicht. Es wurde Vrenchen bang und heiß, es wurde bleich und rot, Sali nahm e s aber bei der Hand und führte das arme Wesen hinweg, das ihm mit seinem Haus in der  Hand willig folgte, obgleich die Trompeten im Wirtshause lustig schmetterten und Vrenchen so gern tanzen wollte. "Hier können wir nicht tanzen!" sagte Sali, als sie sich etwas entfernt hatten, "wir würden hier wenig Freude haben, wie es scheint!" "Jedenfalls", sagte Vrenchen traurig, "es wird auch am besten sein, wir lassen es ganz bleiben und ich sehe, wo ich ein Unterkommen finde!" "Nein", rief Sali, "du sollst  einmal tanzen, ich habe dir darum Schuhe gebracht! Wir wollen gehen, wo das arme Volk sich lustig macht, zu dem wir jetzt auch gehören, da werden sie uns nicht verachten; im Paradiesgärtchen wird jedesmal auch getanzt, wenn hier Kirchweih ist, da es in die Kirchgemein de gehört, und dorthin wollen wir gehen, dort kannst du zur Not auch übernachten." Vrenchen schauerte
  
Bürgerliches Gesetzbuch BGB
von Helmut Köhler
Siehe auch:
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